Für Stenotypistinnen – oder eine Zeitschrift in Stenographie

In unserem Archiv historischer Zeitschriften habe ich eine besondere Zeitschrift gefunden: Die DKI – Die „Deutsche Kurzschrift Illustrierte“, eine „Ausgabe für Gewerkschaftsmitglieder“ von 1955. Der Einband der Zeitschrift ist ganz in schwarz-weiss gehalten. Aber kurios ist vor allem der Inhalt der Zeitschrift: Die Hälfte ist in einer Schrift verfasst, die mir ein Rätsel bleibt: Wie angestrengt ich es auch versuche, ich kann sie nicht entziffern. Ein wenig wie Arabisch mutet sie an: So schwungvoll, klein und voller Kringel.

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Ein Comic in Steno

Stenographie – eine Kunst

Wie der Titel der Zeitschrift schon vermuten lässt. Handelt es sich bei dieser unleserlichen Schrift um Stenographie oder kurz Steno. Eine aus einfachen Zeichen gebildete Schrift, die dadurch so schnell geschrieben werden kann, wie die Wörter gedacht und gesprochen werden. Eine Schrift also, die gerade für Protokollanten von Diskussionen oder Verhandlungen unverzichtbar ist. Stenographie ermöglicht es seinem Schreiber bis zu 500 Silben pro Sekunde zu schreiben. Zum Vergleich: Mit der ‚normalen‘ Schrift, erreichen wir circa 40 Silben pro Sekunde.

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DKI vom Juli 1955

Die historische Zeitschrift

Vor allem Sekretärinnen nutzten die so genannte Kurzschrift. Das lässt sich auch leicht an der historischen Zeitschrift „DKI“ erkennen. Nicht nur sind drei junge Frauen auf dem Titel abgebildet – auch in der Zeitschrift zeigt sich die Auslegung auf eine weibliche Zielgruppe: Zum Beispiel in einer Fotostrecke zur Stenotypistin, die am Feierabend bastelt oder einem Beitrag zu einer italienischen Modestrecke.
Außerdem sind in dieser historischen Zeitschrift für Stenotypistinnen viele Übungen und Tipps für das Steno- und Maschineschreiben. Von Erläuterungen der neuen Rechtschreibreformen, bis zur Erklärung des Bruttosozialprodukts. Die Leser dieser historischen Zeitschrift konnten ihren Maschinenanschlag mithilfe von Übungstexten verbessern und Einblicke in französische und englische Stenographie bekommen. Des Weiteren findet sich ein Preisausschreiben „für Schön- und Richtigschreiben und formschöne Briefgestaltung“. Die guten Teilnehmer erhielten eine Anerkennungsurkunde für ihre Teilnahme. Wenn das kein Anreiz ist einen Text in Steno in Schreibmaschinentext zu verwandeln. ;)

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Bildunterschriften in Stenographie – So beschäftigt sich die Stenotypistin

 

Frauen werden Sekretärinnen

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Der lehrsame Teil der Zeitschrift – Wie hier über das Bruttosozialprodukt

Der Beruf des Sekretärs war bis ins 19. Jahrhundert noch hauptsächlich ein Männerberuf. Dies änderte sich mit Einführung der Schreibmaschine und der starken Nutzung der Stenographie: So galt die Stenographie, also die Aufnahme eines Diktats und dessen Niederschrift, als einfache Aufgabe, die keinerlei Initiative verlangte. Demnach war es nach damaligem Geschlechterbild auch Frauen möglich dieser spezifischen Aufgabe nachzugehen. Bald übertrug man aber auch als anspruchsvoller geltende Sekretariatsaufgaben überwiegend Frauen. Damit hatte sich ein zunehmend weiblicher Berufszweig gebildet, der jungen Frauen zu eigenem Einkommen und Selbstständigkeit verhalf.

Heute gibt es den Beruf des Stenotypisten nur noch als Zusatzqualifikation. Bewundernswert ist das Beherrschen von Stenographie allemal. Und die Leser unter euch, die Kurzschrift können, würden in der historischen Zeitschrift DKI sicherlich noch viel mehr Interessantes und Kurioses entdecken. Wirklich spannend, wie viel Geschichte in einer einzelnen historischen Zeitschrift steckt. Unvorstellbar was dann erst in den Millionen historischen Zeitungen und historischen Zeitschriften im HISTORIA Archiv zu entdecken ist.

 

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:-)

 

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